The Protest of Linz 1945, 2015

AUSSTELLUNG
Befreit und besetzt. Oberösterreich 1945–1955
Schlossmuseum Linz, 2015/16
Kurator: Peter März

Knapp ein halbes Jahr nach ihrer Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime protestierten ein paar hundert Überlebende in Linz. Ausgehend von vier Fotos aus dem Archiv des israelischen Yad Vashem, rekonstruierte ich die Vorgeschichte des Protests und brachte Versatzstücke der unbekannten Demonstration zurück in die Linzer Gegenwart.

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Die Fotos von 1945 zeigen Kinder, Männer und Frauen unweit der Donaubrücke, unter ihnen einige in der Kluft der Konzentrationslager oder in Resten von SS Uniformen, wäh- rend sie jene englischsprachigen Transparente hochhalten, auf denen geschrieben steht: „NAZIS LIVE IN COMFORTABLE HOUSES; THEIR VICTIMS LIVE IN DIRTY BARRACKS“, oder „AFTER 6 YEARS IN CONCENTRATION-CAMP IN CONCENTRATION-CAMP A- GAIN“. Obwohl manche hoffnungsvoll in die Kamera blickten, waren sie aufs äußerste angespannt, erzählte mir, als ich ihn nach beinahe 70 Jahren zum Gespräch getroffen habe, Nahum Manor. Nahum war in Linz, als die US-Armee am 3. Oktober 1945 das Barackenlager 67, in dem 630 Überlebende untergebracht waren, unangekündigt räumen wollte und den vom Naziregime verschleppten „Displaced Persons“, die verängstigt in Sitzstreik getreten waren, drohte, den Befehl mit Waffengewalt durchzusetzen zu lassen. Die Lagerleitung konnte einen Tag Aufschub und die Besichtigung jenes Lagers erwirken, in das sie wegen des einbrechenden Winters verlegt werden sollten. Vom Zustand des früheren Kriegsgefangenenlagers am Lißfeld bestürzt – es war mit Stacheldraht umgeben und von Schießschartenbunkern durchsetzt, die Baracken waren zerfallen, der Erdboden vom langen Regen durchweicht – forderten die Lagerinsassen ein menschenwürdiges Leben, wie US-Präsident Truman es ihnen in Aussicht gestellt hatte, selbst ein. En masse marschierten sie von den Lagern Hart und Haag am 6. Oktober um 8 Uhr früh ins Zentrum der geteilten Stadt, in der Zollamtsstraße, vor dem Hauptquartier der 26. US-Division, stellten sich Protestierende in Reihen auf und machten „sehr viel Lärm“.
Der kurz darauf erschienene Major Welch von der „Displaced Person“-Section lud eine Delegation zu sich ins Hauptquartier, während er die übrigen Demonstrant_innen bat, an der Donaubrücke zu warten. Der Major gehörte einer Division an, die sich, von Frankreich kommend bis nach Linz durchgekämpft hatte und an der Befreiung des Konzentrations-lagers Gusen beteiligt war, dennoch war er selbst es, der sich bei den Protestierenden für das unglückliche Vorgehen seiner Armee entschuldigte. Nahum, der dem Komitee ange- hörte, wird über das Gespräch meinen: „They changed their mind“.

Während Recherchen zum Urbanismus von Linz erstaunte mich immer wieder, dass in Österreichs Archiven kein Originalmaterial existiert, das, über Lebensverhältnisse in den Lagern der Nachkriegszeit Auskunft geben hätte können, obwohl dort, in über 70 Lagern der Stadt, ehemalige Konzentrations- und Zwangsarbeitslager eingeschlossen, 45.000 Menschen ausharren mussten.

Die Fotos von 1945 kündigen schon leise jene Utopie an, die, in den folgenden Tagen von US-Hochkommissär Clark entschieden werden wird. Denn, obwohl die US-Armee bereits Monate zuvor schon den Befehl von Präsident Truman erhalten hatte, war sie bis dahin an Einwänden der Stadt Linz gescheitert, Wohnungen, der in der Nazizeit errichteten Siedlun- gen, für jüdische Überlebende freizumachen. Infolge des widerspenstigen Protests wollte die US-Armee jenen, im berühmten Harrison-Report in Gang gesetzten, und von US-Prä-sident Truman angeordneten Umdenkprozess bezüglich der Unterbringung jüdischer Über- lebender nicht verschleppen und legte den Grundstein für das exterritoriale Camp Binder-michl. Für wenige Jahre wurde es zum revolutionären Vorzeigemodell der US-Armee.

Mit The Protest of Linz 1945 wollte ich ein Stück fehlender Geschichte zurückgeben, so- wohl die losen Fotos aus dem Yad Vashem in Linz verankern, als auch sie in den Baracken der Nachkriegszeit kontextualisieren. So habe ich drei Transparente jener Demonstration, die, nach den langen Jahren des Terrorregimes die erste freie politische Meinungsäuße- rung darstellte, nachgebaut und an ihrem 69. Jahrestag 2014 an der Donaubrücke auf- gestellt. Da beide interviewte Beteiligte des Protests von 1945, sowohl Nahum, als auch Herr L., unabhängig voneinander, sich der Teilnahmslosigkeit der Linzer Bevölkerung erinnerten, habe ich die Reaktionen zufällig Vorbeikommender fotografisch festgehalten. Die dabei entstandenen Fotos zeugen von Beachtung, Ignoranz, von Unbeholfenheit ebenso, wie der Schwierigkeit, sich eine Haltung abzuringen; sie erinnern daran, wie holprig der Umgang mit österreichischer Geschichte selbst lange war und noch immer ist.

 

»Linz, Austria, A rally by displaced persons«, 1945 © Yad Vashem

»Linz, Austria, A rally by displaced persons«, 1945 © Yad Vashem

»Linz, Austria, A rally by displaced persons«, 1945 © Yad Vashem

»Linz, Austria, A rally by displaced persons«, 1945 © Yad Vashem

 

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

 

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

 

Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

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Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

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Schatzl, The Protest of Linz 1945, 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schatzl, Protest of Linz 1945

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Ausstellung erschien eine Publikation.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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